Der gewichtigste psychologische Erklärungsansatz geht davon aus, dass die Psyche der plötzlich auftretenden Lebensbedrohung in Form einer angenehmen Imagination entgegentritt. Der Schrecken über die Auslöschung des eigenen Seins ist so unerträglich, dass das Gehirn respektive das Bewusstsein zu ausserordentlichen Massnahmen greifen. Dafür spricht auch, dass die Inhalte von NTEs deutlich kulturell geprägt sind und mitunter skurril anmuten. So reitet zum Beispiel ein Mensch in Indien auf einer weissen Kuh zum Totengott Yama, während jemand in Europa ein Taxi besteigt und so zu Jesus kommt. Eine Arbeitslose findet im Himmel Fabriken und gute Jobs, während ein Indianer zu einem Tipi auf grüner Au heimkehrt. Oft entspricht der Inhalt einer NTE aber nur teilweise oder überhaupt nicht dem kulturellen oder persönlichen Weltbild der Betroffenen. Erschreckende NTEs kommen als tröstliche Imagination oder hilfreiche Selbsttäuschung gar nicht erst in Betracht.

Schröter-Kunhart vermutet deshalb, die Fähigkeit zur Gestaltung einer Nahtoderfahrung sei einem gehirnbasierten, religiösen Erfahrungsmuster zu verdanken. Damit erklärt er auch, dass NTEs – wie die damit verwandten mystischen Erfahrungen – entweder ekstatisch beglückend oder erschreckend bedrohlich seien.1

Allerdings treten NTEs nicht ausschliesslich während plötzlich auftretender Todesgefahr auf. Auch Menschen in komatösen Zuständen mit massiv eingeschränkter Hirnfunktion und ohne vorangehende Möglichkeit der bewussten Erwartung des Todes können eine NTE durchleben, gelegentlich auch Menschen in meditativer Versenkung.


Referenzen

  1. Michael Schröter-Kunhart: Mögliche neurophysiologische Korrelate von Nah-Todeserfahrungen, in: A. Dittrich, A. Hofmann, H. Leuner (Hg.): Welten des Bewusstseins, Berlin 1993, S. 57-75. ↩︎