Ausserkörperliche Erfahrungen als Folge einer Temporallappenreizung

Als ausserkörperliche Erfahrung wird ein Zustand bezeichnet, bei welchem man das Gefühl hat, sich ausserhalb seines Körpers zu befinden. Neben Nahtoderfahrungen können solche Phänomene auch beim Einschlafen respektive beim Aufwachen, in tiefem Meditationszustand, bei Drogenkonsum oder extremer Angst auftreten.

Seit den späten 1950er Jahren ist bekannt, dass elektrische Stimulation oder Epilepsien im Bereich des rechten Schläfenlappens (lat. Lobus temporalis / Temporallappen) diese Wahrnehmung erzeugen können.1 2 3

Olaf Blanke behandelte 2002 am Genfer Universitätsspital eine Epilepsie-Patientin. Er stimulierte sie mittels elektrischer Sonden in der Region zwischen rechtem Schläfen- und Scheitellappen (Gyrus angularis), worauf sie plötzlich den Eindruck hatte, nach unten zu sinken. Bei verstärkter Stromgabe nahm dieser Eindruck zu, respektive die Patientin meinte, oberhalb ihres Körpers zu schweben und ihre Beine und ihren Rumpf zu sehen. Den Rest des Körpers sah sie offenbar nicht. 4

Britton und Boozin untersuchten daraufhin elektroenzephalografisch die Temporallappen von 23 Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten. Sie fanden bei diesen im Vergleich zum Kollektiv eine verstärkte epileptiforme Aktivität, allerdings nicht im rechten, sondern praktisch ausschliesslich im linken Temporallappen. Die Forscher fanden zudem veränderte Schlafmuster im EEG mit einer Verkürzung der REM-Phase.5

Den Versuch, die Illusion einer Lokalisation ausserhalb des eigenen Körpers künstlich zu erzeugen, hatte der Psychologe George Malcom Stratton (1865–1957) schon 1899 unternommen. Er montierte sich einen Spiegelapparat auf den Kopf, in welchem er sich selbst mehrere Meter weiter vorne stehen sah. Mit zunehmender Tragdauer bekam er immer mehr das Gefühl, sich in diesem Spiegelbild zu befinden.

Olaf Blanke liess sich nach der Erfahrung mit der Epilepsie-Patientin von dem Experiment animieren und stellte an der Universität Lausanne immer komplexer werdende Versuchsanordnungen her, um ausserkörperliche Erfahrungen zu erzeugen. Etwa zeitgleich mit dem Beginn dieser Untersuchungen führte der schwedische Forscher Henrik Ehrsson ein fast identisches Experiment durch, um die Stabilität des körperlichen Ich-Bewusstseins zu testen. Dafür benutzte er, entsprechend einem menschlichen Augenpaar, zwei Kameras, die hinter dem Probanden platziert waren. Deren Bild wurde dem Probanden simultan in einer 3D-Brille als Video gezeigt. Der Proband sah also durch die Brille auf seinen Rücken. Wurde er auf der Brust berührt, während gleichzeitig ein Stab gegen die Kamera geführt wurde, so dass der Stab aus Sicht des Probanden dieselbe Stelle auf der Brust berühren musste, meinte der Proband, von hinten auf seinen Körper zu schauen. Sein Selbst war damit vermeintlich in der Position der Kamera und schaute auf seinen Rücken, den er aber in diesem Moment nicht als seinen eigenen wahrnahm. 6

Zusammengefasst konnte das Gefühl der ausserkörperlichen Erfahrung sowohl durch elektrische Stimulation im Bereich des rechten Schläfen- und Hinterhauptlappens als auch durch Sinnestäuschungen ausgelöst werden. Bei den Videoexperimenten handelt es sich dabei klar um Illusionen, bei welchen das körperliche Ich-Bewusstsein getäuscht wird. Dasselbe ist bei ausserkörperlichen Erfahrungen aufgrund von Hirnschädigung oder Epilepsie bekannt. Bei einer elektrischen Hirnstimulation, die aus ethischen Gründen nicht experimentell durchgeführt werden kann, scheint es ähnlich zu sein.

Diese wissenschaftlichen Untersuchungen erklären jedoch nicht, weshalb Menschen während einer NTE Beobachtungen der sie umgebenden Realität machen, die nachher verifiziert werden können, aber verifizierte Ausserkörperliche Erfahrungen sind erstaunlich häufig.

Sam Parnia wollte dieses Phänomen mit Hilfe von Schränken klären, die von oben einsehbar waren (siehe: Verifizierte Ausserkörperliche Erfahrung). Die einzige in diese Studie aufgenommene ausserkörperliche Erfahrung fand zwar nicht in der Nähe dieser Schränke statt, womit diese Verifizierung wegfiel. Trotzdem waren die Schilderungen des Reanimationsablaufs durch den betroffenen Patienten vollkommen korrekt. Sie konnten von den involvierten Ärzteschaft bestätigt werden. 7

So fand man zum Beispiel gemäss einer Studie von Pim van Lommel das Gebiss, das einem Patienten während der Reanimation entfernt worden war, nur deshalb wieder, weil dieser mehrere Tage später auf den Pfleger traf, der ihn reanimiert hatte. Er erkannte ihn sogleich und rief aus: «Ah, Sie wissen, wo mein Gebiss ist!» Daraufhin beschrieb er dem verdutzten Pfleger den Ablauf der Reanimation. Er, der Pfleger, habe dem Patienten zur Intubation das Gebiss herausgenommen und in eine Schublade gelegt, die der Patient beschreiben konnte. Der Pfleger fand daraufhin den für den Patienten so wertvollen Gegenstand in der angegebenen Schublade. 8 9

Experimente wie die von Olaf Blanke und Henrik Ehrsson, welche die Illusion ausserkörperlicher Erfahrungen erzeugen können, sind interessant und sie informieren uns über die Funktion des körperlichen Ich-Bewusstseins, reichen aber nicht aus, um die ausserkörperlichen Erfahrungen zu erklären, die während einer Nahtoderfahrung mit hoher Wahrscheinlichkeit stattfinden. Diese sind hirnphysiologisch kaum erklärbar.

Menschen mit Temporallappen-Epilepsie berichten von Licht- und Schattenerlebnissen, gelegentlich sogar von einem Tunnelerlebnis und einer Begegnung mit Wesen. Im Unterschied zu NTEs kennt man aber keine so komplexen Erfahrungen wie eine Begegnung mit einer verstorbenen Person, die auch als Individuum erkannt wird und mit der kommuniziert werden kann.


Referenzen

  1. Jasper, H.H., Rasmussen, T: Studies of the clinical and electrical response to deep temporal stimulation in men with some considerations of functional anatomy. Research Publications of the Association for Research in Nervous and Mental Disease. 1958 36, 316-334. ↩︎
  2. Daly, D: Ictal clonical manifestations of complex partial seizures. In D.D. Daly (Hg.), Advances in neurology: Complex partial seizures and their treatment, Vol. 11, S. 89-127, New York: Raven, 1975. ↩︎
  3. Orin Devinsky, Edward Feldman, Kelly Burrowes: Autoscopic Phenomena With Seizures. Archives of Neurology, 1989, 46 (10), 1080-1088. ↩︎
  4. Olaf Blanke: Stimulating Illusory Own-Body Perception. Nature 2002, 419: 267-270. ↩︎
  5. Britton W.B., Bootzin R.R.: Near-Death Experiences and the Temporal Lobe. Psychological Science 2004 15: 254-258. ↩︎
  6. Ehrson, H.H: The experimental induction of Out-of-Body Experiences, Science, 2007, 317: 1048). ↩︎
  7. Parnia S. et al.: AWARE-AWArness during REsuscitaton – A prospective study. Resuscitation 2014.09.004. ↩︎
  8. Pim van Lommel, et al.: Near-death Experience in Survivors of Cardiac Arrest: A Prospective Study in the Netherlands. Lancet 2001; 358: S. 2039-2045. ↩︎
  9. Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung. Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, S. 48f. ↩︎