Als Ausserkörperliche Erfahrung wird ein Zustand bezeichnet, bei welchem man das Gefühl hat, sich ausserhalb seines leiblichen Körpers zu befinden. Neben Nahtoderfahrungen können solche Phänomene auch beim Einschlafen respektive beim Aufwachen, in tiefem Meditationszustand, bei Drogenkonsum oder extremer Angst auftreten. Die Person hat dabei das Gefühl, ausserhalb ihres Körpers zu schweben.

Seit den späten 1950er Jahren ist bekannt, dass die elektrische Stimulation oder Epilepsien im Bereich des rechten Schläfenlappens (lat. Lobus temporalis / Temporallappen) diese Wahrnehmung erzeugen kann.1)Jasper, H.H., Rasmussen, T. Studies of the clinical and electrical response to deep temporal stimulation in amn with some considerations of functional anatomy. Research Publications of the Association for Research in Nervous and Mental Disease. 1958 36, 316-334. 2)Daly, D. Ictal clonical manifestations of complex partial seizures. In D.D. Daly (Hg.), Advances in neurology: Complex partial seizures and their treatment, Vol. 11, S. 89-127, New York: Raven, 1975. 3)Orin Devinsky, Edward Feldman, Kelly Burrowes. Autoscopic Phenomena With Seizures. Archives of Neurology, 1989, 46 (10), 1080-1088.

Als 2002 Olaf Blanke zusammen mit einem weiteren Neurochirurgen und einer Neurochirurgin am Genfer Universitätsspital eine Epilepsie-Patientin mittels elektrischer Sonden in der Region zwischen rechtem Schläfen- und Scheitellappen (Gyrus angularis) elektrisch stimulierte, hatte diese plötzlich den Eindruck, nach unten zu sinken. Bei verstärkter Stromgabe nahm dieser Eindruck zu respektive die Patientin meinte, oberhalb ihres Körpers zu schweben und ihre Beine und ihren Rumpf zu sehen. Den Rest des Körpers sah sie offenbar nicht.4)Olaf Blanke. Stimulating Illusory Own-Body Perception. Nature 2002, 419: 267-270.

Britton und Boozin untersuchten daraufhin elektroenzephalografisch die Temporallappen von Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten (n=23) und fanden bei diesen im Vergleich zum Kollektiv (n=20) eine verstärkte epileptiforme Aktivität, allerdings nicht im rechten sondern praktisch ausschliesslich im linken Temporallappen. Die Forscher fanden zudem veränderte Schlafmuster im EEG mit einer Verkürzung der REM-Phase.5)Britton W.B., Bootzin R.R., Near-Death Experiences and the Temporal Lobe. Psychological Science 2004 15: 254-258.

Den Versuch, künstlich die Illusion einer Lokalisation ausserhalb des eigenen Körpers zu erzeugen, hatte schon 1899 der Psychologe George Malcom Stratton (1865-1957) unternommen. Auf seinen Kopf hatte er sich einen Spiegelapparat montiert, in welchem er sich selbst mehrere Meter weiter vorne stehen sah. Mit zunehmender Tragdauer bekam er immer mehr das Gefühl, sich in diesem Spiegelbild zu befinden.

Olaf Blanke liess sich nach der Erfahrung mit der Epilepsie-Patientin von diesem Experiment animieren und begann an der Universität Lausanne immer komplexer werdende Versuchsanordnungen herzustellen, um ausserkörperliche Erfahrungen zu erzeugen. Etwa zeitgleich mit dem Beginn dieser Untersuchungen erfand der schwedische Forscher Henrik Ehrsson ein fast identisches Experiment, um bei seinen Probanden die Stabilität des körperlichen Ich-Bewusstseins zu testen. Dafür benutzte er, entsprechend einem menschlichen Augenpaar, zwei Kameras, die hinter dem Probanden platziert waren. Deren Bild wurde dem Probanden simultan in einer 3D-Brille als Video gezeigt. Der Proband sah also durch die Brille auf seinen Rücken. Wurde er auf der Brust berührt, während gleichzeitig ein Stab gegen die Kamera geführt wurde, so, dass aus Sicht des Probanden der Stab dieselbe Stelle auf der Brust berühren musste, vermeinte der Proband, von hinten auf seinen Körper zu schauen. Sein Selbst war damit vermeintlich in der Position der Kamera und schaute auf seinen Rücken, den er aber in diesem Moment nicht als den Seinigen wahrnahm. 6)Ehrson, H.H. The experimental induction of Out-of-Body Experiences, Science, 2007, 317: 1048).

Zusammengefasst konnte sowohl durch elektrische Stimulation im Bereich des rechten Schläfen- und Hinterhauptlappens wie durch Sinnestäuschungen das Gefühl der ausserkörperlichen Erfahrung ausgelöst werden. Bei den Videoexperimenten handelt es sich dabei klar um Illusionen, bei welchen das körperliche Ich-Bewusstsein getäuscht wird. Dasselbe ist bei ausserkörperlichen Erfahrungen aufgrund von Hirnschädigung oder Epilepsien bekannt. Bei den elektrischen Hirnstimulationen, die aus ethischen Gründen nicht experimentell durchgeführt werden können, scheint es ähnlich zu sein. Der Patient oder Proband kann also nicht wirklich aus seinem Körper austreten. Diese wissenschaftlichen Untersuchungen können damit jedoch nicht erklären, weshalb Menschen während NTE’s Wahrnehmungen der Realität aus einer schwebenden Position ausserhalb ihres Körpers machen, die nachher verifiziert werden können. Die Zahl solcher voneinander unabhängig aufgenommener Anekdoten von verifizierten ausserkörperlichen Erfahrungen während NTE’s ist so gross, dass die Möglichkeit der tatsächlichen ausserkörperlichen Erfahrungen Ernst genommen werden muss.

Bei diesen Erfahrungen bleibt es auch nicht bei Wahrnehmungen des eigenen Körpers, sondern es werden meist ebenso die nähere Umgebung, manchmal sogar benachbarte Räume oder weiter entfernte Orte wahrgenommen. Sam Parnia wollte dieses Phänomen mit Hilfe von oben einsehbaren Kasten klären (Siehe Verifizierte Ausserkörperliche Erfahrung). Die einzige, in diese Studie aufgenommene Ausserkörperliche Erfahrung fand zwar nicht in der Nähe dieser Kästen statt, womit diese Verifizierung wegfiel. Trotzdem waren die Schilderungen des Reanimationsablaufs durch den betroffenen Patienten vollkommen korrekt. Sie konnten von den involvierten Ärzteschaft bestätigt werden.7)Parnia S. et al. AWARE-AWArness during REsuscitaton – A prospective study. Resuscitation 2014.09.004.

So fand man zum Beispiel gemäss einer Studie von Pim van Lommel das während der Reanimation einem Patienten entfernte Gebiss nur deshalb wieder, weil dieser mehrere Tage später auf den Pfleger traf, der ihn reanimiert hatte. Er erkannte ihn sogleich und rief aus „Ah, Sie wissen, wo mein Gebiss ist“. Daraufhin beschrieb er dem verdutzten Pfleger den Ablauf der Reanimation. Er, der Pfleger, habe zur Intubation sein Gebiss herausgenommen und in eine Schublade geworfen, die der Patient beschreiben konnte. Der Pfleger fand daraufhin den für den Patienten wertvollen Gegenstand in der angegebenen Schublade.8)Pim van Lommel, et.al. Near-death Experience in Survivors of Cardiac Arrest: A Prospective Study in the Netherlands. Lancet 2001; 358: S. 2039-2045. 9)Pim van Lommel, Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung. Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, S. 48f.

Experimente wie diese von Olaf Blanke und Henrik Ehrsson, welche die Illusion ausserkörperlicher Erfahrungen erzeugen können, sind interessant und lehren uns über die Funktion des körperlichen Ich-Bewusstseins, sie reichen aber nicht zur Erklärung der während Nahtoderfahrungen sehr wahrscheinlich tatsächlich stattfindenden Ausserkörperlichen Erfahrungen. Diese sind grundsätzlich kaum hirnphysiologisch erklärbar.

Menschen mit Temporallappenepilepsien können von Licht- und Schattenerlebnissen, gelegentlich sogar von Tunnelerlebnissen und Begegnung mit Wesen berichten. Im Unterschied zu NTE‘s kennt man aber keine komplexen Erfahrungen wie die Begegnung mit Verstorbenen, die auch als solche erkannt werden und mit denen kommuniziert werden kann.

Referenzen   [ + ]

1. Jasper, H.H., Rasmussen, T. Studies of the clinical and electrical response to deep temporal stimulation in amn with some considerations of functional anatomy. Research Publications of the Association for Research in Nervous and Mental Disease. 1958 36, 316-334.
2. Daly, D. Ictal clonical manifestations of complex partial seizures. In D.D. Daly (Hg.), Advances in neurology: Complex partial seizures and their treatment, Vol. 11, S. 89-127, New York: Raven, 1975.
3. Orin Devinsky, Edward Feldman, Kelly Burrowes. Autoscopic Phenomena With Seizures. Archives of Neurology, 1989, 46 (10), 1080-1088.
4. Olaf Blanke. Stimulating Illusory Own-Body Perception. Nature 2002, 419: 267-270.
5. Britton W.B., Bootzin R.R., Near-Death Experiences and the Temporal Lobe. Psychological Science 2004 15: 254-258.
6. Ehrson, H.H. The experimental induction of Out-of-Body Experiences, Science, 2007, 317: 1048).
7. Parnia S. et al. AWARE-AWArness during REsuscitaton – A prospective study. Resuscitation 2014.09.004.
8. Pim van Lommel, et.al. Near-death Experience in Survivors of Cardiac Arrest: A Prospective Study in the Netherlands. Lancet 2001; 358: S. 2039-2045.
9. Pim van Lommel, Endloses Bewusstsein: Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung. Patmos Verlag, Düsseldorf 2009, S. 48f.