Von Kindern sind mehrere hundert Nahtoderfahrungen bekannt. Auch wenn es zu diesen NTEs nur wenige Studien gibt, steht ausser Frage, dass Kinder jeden Alters Nahtoderfahrungen haben können.[1] Sogar Kleinkinder, die gerade erst sprechen gelernt haben, berichten über solche Episoden, die manchmal bis zur Geburt zurückreichen. Es gibt Berichte von Kindern, die ihren verblüfften Eltern detailreich schildern, unter welchen lebensbedrohlichen Umständen sie auf die Welt gekommen sind oder welche medizinische Hilfe nötig war, um den Sauerstoffmangel während der Geburt in den Griff zu bekommen. Auch gibt es Fälle, in denen ein Kind bei seinem Nahtod-Erlebnis einem verstorbenen Geschwister begegnet, von dessen Existenz es keine Kenntnis haben konnte. In zwei Fällen wusste das betreffende Kind sogar den Namen dieser Schwester, die vor seiner Geburt verstorben war.
Aufgrund der modernen Methoden zur Wiederbelebung ist davon auszugehen, dass die Zahl von Kindern mit NTE weiter zunehmen wird. Untersuchungen zeigen auch, dass die Wahrscheinlichkeit, in einer lebensbedrohlichen Situation eine Nahtoderfahrung zu machen, bei Kindern viel höher ist als bei Erwachsenen. So sollen 85% der Kinder mit einem Herzstillstand eine NTE machen, während es bei den Erwachsenen nur zwischen 12% und 18% sind.[2]
Je jünger das Kind zum Zeitpunkt seiner Todesnähe ist und je schneller seine Erfahrung dokumentiert wird, desto geringer ist das Risiko, dass es durch sein Umfeld beeinflusst wird und die kindlichen Schilderungen verzerrt werden könnten.
Die US-amerikanische Schriftstellerin und Forscherin P.M.H. Atwater untersuchte über 270 NTEs von Kindern. Es zeigten sich dabei ähnliche Elemente wie bei Erwachsenen. Dies wurde auch in einer Studienübersicht der IANDS bestätigt. Im Vergleich zu Erwachsenen waren diese Nahtoderfahrungen aber weniger komplex und es kamen nicht so viel klar definierbare Elemente vor. Es liegt nahe, dass auch ein Lebensrückblick seltener stattfindet. Kinder treffen während ihrer NTE dafür häufiger auf bereits verstorbene Haustiere, auf unbekannte Waldtiere und auf noch lebende Personen, was bei Erwachsenen wiederum sehr selten ist. Zudem berichten sie oft von Begegnungen mit bereits verstorbenen Verwandten, die sie nicht kennen konnten. Gelegentlich wurden diese Personen anhand später dazugewonnener Kenntnisse identifiziert.[3]
P. M. H. Atwater zeigt in ihrer Untersuchung, dass 76% der NTEs von Kindern angenehm waren, geprägt von einer glückseligen Empfindung, einer freundlichen Stimme oder einem liebevollen Wesen. So berichtete zum Beispiel ein Mädchen, das mit sechs Jahren an einer Meningitis erkrankt war, dass sie während ihrer ausserkörperlichen Erfahrung völlig schmerzfrei war und umgeben von wunderbarem Licht. Sie sah von oben auf ein schwerkrankes Mädchen im Bett hinab, mit dem sie Mitleid bekam. Dann realisierte sie plötzlich, dass dieses Mädchen ja sie selbst war. Bei diesem Gedanken kehrte sie dann aber sogleich wieder in ihren physischen Körper zurück.
Wie bei Erwachsenen finden sich auch bei Kindern nach einer NTE statistisch relevante Veränderungen wie:
- erhöhte Selbständigkeit respektive Verringerung der Eltern-Kind-Bindung. Vermehrter Rückzug bzw. vermehrtes In-sich-gekehrt-Sein
- veränderte biologische Parameter wie reduzierte Schlafdauer, geringere Medikationstoleranz und erhöhte Sensibilität gegenüber Allergenen
- eine für das Alter auffällige Reife mit Interesse an philosophischen, spirituellen und religiösen Fragen sowie generellem Wissenshunger
- ein für den Entwicklungsstand unüblicher Zugang zu übergeordneten oder abstrakten Konzepten anstelle von einzelnen Details
- wachsende Nächstenliebe, Interesse daran, anderen zu dienen oder zu helfen
- erhöhte Sensibilität gegenüber Gewalt, sei es in der Wirklichkeit oder in den Medien, sowie gegenüber sehr hellem Licht oder Geräuschen
- Entwicklung von Synästhesien (z.B. Farben riechen, Töne sehen) und von paranormalen Fähigkeiten
Dass eine NTE die Ursache für solche Veränderungen sein kann, bleibt im nahen Umfeld oft unentdeckt. Meist wissen die Eltern nicht einmal, dass ihr Kind eine solche Erfahrung erlebt hat. Fehlt in der Umgebung die notwendige Kenntnis und das Verständnis für NTEs, spricht das Kind gar nicht oder bald nicht mehr darüber. Und da sich Verhalten und Charaktereigenschaften bei jungen Menschen in der Wachstumsphase ohnehin verändern, werden NTEs meist nicht erkannt bzw. wird eine Veränderung mit der natürlichen Ausbildung eines Persönlichkeitszuges erklärt.
Wenn ein Kind nach einer NTE in die Härte der Alltagswelt zurückkehrt, sehnt es sich nach der wunderbaren Geborgenheit, die es ausserhalb des Körpers erlebt hat. Das kann – genau wie bei Erwachsenen – zu einer grossen Belastung führen. Dies sogar, wenn es in einer an sich liebevollen Umgebung lebt. Das Kind fühlt sich von seiner Umwelt eingeengt und unverstanden, wodurch es Gefahr läuft, den Halt zu verlieren. Ein Kind betrachtet es als seine eigene Schuld, dass es ins Leben zurückgeschickt wurde. Nach Atwater führt dies bei den Betroffenen zu einem erhöhten Alkohol- oder Drogenmissbrauch und einer deutlich erhöhten Suizidrate. Die meisten aber schaffen es als Jugendliche oder Erwachsene, die Erfahrung erfolgreich zu integrieren. Das gelingt nun leichter, weil man die eigene Umgebung aktiver beeinflussen kann. So findet man Wege, um dieser Welt das Licht näher zu bringen, das man erlebt hat, und das gibt dem Dasein wieder neuen Sinn. Atwater fand bei 3% der Kinder eine erschreckende oder höllenartige Erfahrung. Es ist allerdings noch zu wenig untersucht, welche Folgen solche negativen NTEs für die Betroffenen nach sich ziehen.
- Eltern und Betreuende spielen eine absolute Schlüsselrolle in der Unterstützung betroffener Kinder. Die IANDS gibt dafür folgende Ratschläge:
- an die Möglichkeit einer Nahtoderfahrung denken, wenn ein Kind einen schweren Unfall hatte oder eine lebensbedrohliche Erkrankung
- empathisch zuhören, wenn das Kind über eine solche Erfahrung in Todesnähe spricht. Darin liegt die beste Möglichkeit zu zeigen, dass man ihm glaubt. Dadurch kann es Vertrauen fassen in die eigene Erfahrung und im besten Fall Verständnis entwickeln für ambivalente Empfindungen wie z. B. die Begegnung mit unirdischen Wesen oder das Gefühl, in die Welt zurückgeschickt zu werden.
- das Kind ermutigen, seine Erfahrung in einer Zeichnung oder einem Text festzuhalten
- das Kind sensibilisieren, dass dies eine ganz persönliche und wertvolle Erfahrung ist, somit nur jemandem erzählt werden soll, dem es vertraut
- zulassen, dass das Kind grösseres Interesse an spirituellen Fragen zeigt, und ihm, wenn es das wünscht, erlauben, dass es an religiösen Handlungen teilnimmt oder einen heiligen Bereich im Wohnraum einrichtet
- aufmerksam bleiben für allfällige Anzeichen von Isolation, depressiver Entwicklung oder Substanzabhängigkeit. In solchen Fällen ist professionelle Hilfe ratsam.
Referenzen
1 Sutherland, Ch., «Trailing Clouds of Glory»: The Near-Death Experiences of Western Children and Teens. In: «The Handbook of Near-Death Studies»: Hilden, J.M.(EdD), Greyson B., James D., Thirty Years of Investigation, Santa Barbara, 2009.
2 Parnia S., Waller D.G., Yeates R., Fenwick P., A qualitative and quantitative study of the incidence, features and etiology of near-death experiences in cardiac arrest survivors. Resuscitation 2001;48: 149-156.
3 IANDS (International Association of Near-Death Studies), P. Kirchner, J. Holden, P.M.H. Atwater, M. Morse. Children’s Near-Death Experiences. 2003, Retrieved April 19, 2008. Aus: http://www.iands.org/nde_index/ndes/child.html