In einer Metaanalyse verglich Greyson psychotische und spirituelle Erlebnisse miteinander. 1 Als Psychose bezeichnet man eine schwere psychische Störung, bei welcher der Realitätsbezug verloren geht. Der Zustand ist gekennzeichnet durch unkorrigierbar falsche Ideen, sogenannte Wahnvorstellungen, sowie durch Halluzinationen, also Wahrnehmungen, die nur von der betroffenen Person gemacht werden können, nicht aber vom Umfeld. Greyson fand deutliche Unterschiede zwischen spirituellen und psychotischen Erfahrungen, und zwar bezüglich Kontext, Inhalt und Nachwirkungen. Aber keine dieser Unterscheidungen ist absolut. Das heisst, dass es keine Aspekte gibt, die ausschliesslich bei Psychosen, nie jedoch bei spirituellen Erfahrungen auftreten und umgekehrt. Bei allen untersuchten Aspekten ist aber eine gegensätzliche Ausprägung feststellbar. Das heisst, dass typische Aspekte von Psychosen bei spirituellen Erfahrungen nicht auftreten und umgekehrt.

Spirituelle Erfahrungen treten meist in Ausnahmesituationen wie Todesgefahr, während einer psychischen Erschütterung oder während einer Meditation auf. Die betroffene Person ist sowohl vor wie nach dem Ereignis psychisch gesund. Inhaltlich sind die Erfahrungen meist positiv, gut strukturiert, logisch aufgebaut, sinngebend und im religiösen oder kulturellen Kontext verankert. Wenn die Erfahrenden beispielsweise Verstorbenen begegnen, dann sind diese in den allermeisten Fällen tatsächlich verstorben,2 manchmal sogar, ohne dass die erfahrende Person zuvor Kenntnis davon hatte (siehe Peak in Darien Phänomen). Christ:innen meinen eher, Jesus zu erkennen, als Anhänger:innen anderer Religionen.3

Auch in den Nachwirkungen weicht eine spirituelle Erfahrung stark von einer psychopathischen ab. Spirituelle Erfahrungen werden rückblickend als sehr real beurteilt, bleiben lebhaft im Gedächtnis und haben im Allgemeinen einen positiven Effekt auf die Erfahrenden. Sie leben dadurch bewusster, interessieren sich mehr für das Wohlsein ihrer Nächsten, haben eine grössere Achtung vor dem Leben als zuvor, ganz allgemein im Alltag weniger Angst, aber auch spezifisch weniger Angst vor dem Tod, sie sind selbstsicherer und glücklicher. Auch wollen sie sich mit der Erfahrung auseinandersetzen und diese integrieren. Solange sie das nicht schaffen, können sie unter der Erfahrung leiden.

Psychotische Störungen weisen bezüglich der genannten Aspekte einige Gegensätze auf. In wieder gesundem Zustand verblasst die Erinnerung an das meist negative Erlebnis. Die Patient:innen wollen sich damit auch nicht mehr beschäftigen. Das Auftreten ist an keine Extremsituation gebunden, ist wiederkehrend, macht den Patient:innen das Leben schwer und lässt sie asozialer werden. Meist waren die Personen zuvor wie danach psychisch beeinträchtigt, beispielsweise im Rahmen einer Schizophrenie.4 

Halluzinationen sind stark individuell geprägt und zeigen inhaltlich weniger häufig identische Strukturen, wie dies speziell bei NTEs der Fall ist (Tunnel, Begegnung mit lichten Wesen, nonverbale Kommunikation, Rückkehrentscheid). Halluzinationen sind verbunden mit Desorientierung, Wahn und eingeschränktem Erinnerungsvermögen, während die als hyperreal empfundene Nahtoderfahrung für Jahrzehnte stabil in Erinnerung bleibt.

Das Delir, ebenfalls ein veränderter Bewusstseinszustand, ist per definitionem organisch, also hirnbedingt und tritt relativ häufig in Spitälern auf, vor allem auf Intensivstationen. Die Ursachen sind unspezifisch und reichen von hohem Fieber bei Kindern über Drogenentzug bis zu Stoffwechsel- und Elektrolytstörungen bei älteren Menschen. Oft summieren sich die auslösenden Faktoren. So beispielsweise eine vorbestehende Demenz mit einer körperlichen und psychischen Stresssituation nach einer Operation. Dabei kommt es nicht selten zu optischen Halluzinationen. Bei klinischer Erfahrung ist das Gesamtbild aber recht einfach von einer Psychose oder NTE zu unterscheiden, insbesondere durch die typischen Elemente wie Nesteln, Suggestibilität (Beinflussbarkeit), Verwirrtheit und Affektlabilität. Auch ist ein Delir meist fluktuierend, also hin und her wechselnd zwischen delirantem und weniger auffälligem oder sogar normalem Bewusstseinszustand.


Referenzen

  1. Greyson B. (2014): Differentiating Spiritual and Psychochic Experiences: Sometimes a Cigar Is Just a Cigar. Journal of Near-Death Studies, 32(2), Spring S. 123-136. ↩︎
  2. Kelly E.W., (2001): Near-Death Experiences with Reports of Meeting Deceased People, Death Studies, 25:3, 229-249 ↩︎
  3. Osis K., Haraldson E.: At the Hour of Death. Hastings House, New York, 1986 ↩︎
  4. Greyson B. (2014): Differentiating Spiritual and Psychochic Experiences: Sometimes a Cigar Is Just a Cigar. Journal of Near-Death Studies, 32(2), Spring S. 123-136. ↩︎