Noch vor der Publikation von Moodys Arbeiten begannen der aus Lettland stammende Karlis Osis und der Isländer Erlendur Haraldsson in den USA und in Indien mit der Untersuchung von Sterbebettvisionen. Die Autoren kategorisierten insgesamt 255 ausgewählte Fälle und unterschieden inhaltlich zwischen diesseitigen und jenseitigen Phänomenen. Neben universalen Elementen fanden sie auch deutliche kulturelle Unterschiede. Während die Mehrheit der Betroffenen in den USA als religiöse Figuren beispielsweise Jesus, Maria oder Engel sahen, begegneten Menschen aus der hinduistischen Tradition in ihren Sterbebettvisionen Krishna, Shiva, Dämonen, Devas oder dem Totengott Yama respektive seinen Boten, den Yamdoots. 1 Mit ihrer Untersuchung bewiesen die beiden Forscher erstmals, dass Sterbebettvisionen kulturell geprägt sind, was auch für NTEs mehrfach bestätigt werden konnte. Die auf dieser Homepage publizierte früheste NTE, diejenige des Soldaten Er, über die Plato berichtet, ist ebenfalls deutlich kulturell geprägt.

Neben der kulturellen Prägung gibt es aber auch Konstanten, die keinem soziokulturellen Rahmen zu unterliegen scheinen. Zu diesen universalen Topoi zählen hauptsächlich die ausserkörperlichen Erfahrungen und die Begegnung mit Verstorbenen. Sie können Bestandteil von Nahtoderfahrungen verschiedenster zeitgenössischer oder vergangener Kulturen sein. Die Tunnelerfahrung scheint dagegen häufiger in westlich geprägten Kulturen vorzukommen. Wiederum können aber Elemente wie die Tunnelerfahrung auch einfach anders erlebt und anders beschrieben sein, obwohl sie miteinander verwandt oder sogar identisch sein können. So scheinen Menschen aus ländlichen Gebieten und mit vormoderner Lebensweise etwa von der Durchquerung eines pflanzenrohrähnlichen oder kürbisgefässartigen Kelches zu sprechen, was wohl der Erfahrung eines Tunnels sehr ähnlich ist.

Nahtoderfahrungen sind auf der einen Seite also kulturell geprägt und weisen auf der anderen Seite universale Elemente auf. Dies lässt verschiedene Interpretationen offen. Aus naturalistischer oder materialistischer Sicht ist die kulturelle Variabilität ein Hinweis auf den soziokulturellen Ursprung der Erfahrung. Das soziokulturelle Umfeld formt dabei die eigene Erfahrungswelt und damit die Psyche, deren Funktion letztendlich hirnbasiert sei. Die universalen Elemente wiederum könnten den Schluss nahelegen, es gebe eine genetische Anlage, welche diese Erfahrungen erzeugt.

Wenn Nahtoderlebnisse in einer tatsächlich existierenden jenseitigen Welt stattfinden, scheint es seltsam, wenn ein Inder das «Licht» auf einer Kuh reitend erreicht, ein Amerikaner dagegen im Taxi. Zwar schätzen Stadtbewohner das Taxi als praktisches und luxuriöses Verkehrsmittel; sie werden deswegen aber im Sterbebett nicht darauf warten, von einem vorbeifliegenden Taxi mitgenommen zu werden. Solche bizarren Elemente können nicht kulturell erklärt werden. Sie erinnern mehr an Träume, die oft skurrile Aspekte haben. Man darf deswegen aber auch die Überlebenshypothese nicht voreilig verwerfen. Mehrere Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten mit Erstaunen, dass eigene Gedanken in der von ihnen besuchten Welt Form annehmen. Damit hätten in einer Jenseitswelt auch skurrile Aspekte ihren Platz.


Referenzen

  1. Osis K., Haraldson E: At the Hour of Death. Hastings House, New York, 1986 ↩︎