Sowohl positive als auch negative Nahtoderfahrungen erfordern von den Betroffenen die Integration des Erlebten in den Alltag, was oft sehr schwierig ist. Es gibt milde Formen negativer NTEs (Grundtyp 1), in denen die erlebte Umgebung nicht bedrohlich war, jedoch die eigene Reaktion dem Erlebnis gegenüber eher ablehnend, das heisst, hier wurde aus einer potentiell guten Erfahrung eine schlechte. Eine solche hat natürlicherweise ganz andere Nachwirkungen als Erfahrungen absoluter Leere oder das Erleben höllengleicher Regionen. Auch ist es für die Betroffenen von Bedeutung, ob sich eine anfänglich negative Erfahrung in eine positive wandelt oder ob die Erfahrung bis zum Ende grauenvoll und belastend bleibt. In letzterem Fall kann die NTE zu einem psychischen Trauma und zu massiver Angst vor dem Tod führen, da dieser die Rückkehr in die schreckliche Unterwelt bedeutet.

Es existieren keine verlässlichen Daten bezüglich Verarbeitung dieses Traumas. Doch lassen sich ein paar Verhaltensmuster ausmachen:

  1. Verdrängung ist ein bekannter Mechanismus im Umgang mit traumatischen Erlebnissen. Der Kardiologe Rawlings postulierte, dass bei erschreckenden Nahtoderlebnissen die Verdrängung sehr häufig sei. Und oft sei diese so stark, dass daraus eine komplette Amnesie, also ein totaler Erinnerungsverlust resultiere. Aus diesem Grund müssten die Patient:innen gleich nach der Wiederbelebung befragt werden, um negative NTE überhaupt erfassen zu können, bevor diese bereits am Folgetag negiert würden.[1] Diese Hypothese konnte bisher weder bestätigt noch widerlegt werden.
  2. Sachliche Interpretation. Gewisse Aspekte von Nahtoderfahrungen gleichen Halluzinationen. Die Interpretation gerade einer negativen NTE als krankhafte psychotische Erfahrung kann entlastend wirken. Die Mehrheit der Betroffenen scheint sich aber schwer zu tun mit einer sachlich-nüchternen Reduktion der NTE auf eine Halluzination. Dies hat vor allem damit zu tun, dass die NTE stark emotional erlebt wird. Auch wirkt die Erfahrung meist hyperreal, wirklicher als die Wirklichkeit selbst. Nancy Evans Bush, die selbst eine erschreckende NTE gemacht hat, sieht in dieser Art der Verarbeitung vielleicht momentane psychische Entlastung, auf die Dauer aber keine Erleichterung.
  3. Warnung und Läuterung. Zu diesen ersten zwei Strategien gibt es praktisch diametral entgegengesetzt die Interpretation negativer NTEs als Folge persönlichen Fehlverhaltens. Die Ärztin Barbara R. Rommer, die zahlreiche erschreckende NTEs untersucht hat, empfiehlt diese Strategie für die erfolgreiche Integration der traumatischen Erfahrung. Solche Menschen würden das Erlebte im Nachhinein als warnenden Segen empfinden. Manche Betroffene sehen es als ihre Aufgabe, andere Menschen vor den Konsequenzen amoralischen Verhaltens zu warnen. Gewisse Erfahrende mit dieser Reaktionsweise stehen sogenannten christlich-fundamentalistischen Strömungen näher, in welchen die Hölle ein wichtiger Bestandteil des Glaubens ist.[2]
  4. Positivistische Interpretation. Nancy Evans Bush machte als junge Frau während einer Entbindung eine NTE. Nach dem Verlassen ihres Körpers entfernte sie sich rasend schnell vom Krankenhaus, flog aus der Stadt und schliesslich weit weg von der Erde. Sie erlebte sich verloren irgendwo in absoluter Leere und es wurde ihr in hämischer Weise erklärt, ihr ganzes Leben sei nur Schein gewesen. Als sie viele Jahre danach Sekretärin der IANDS wurde, kam die verdrängte Erinnerung an diese Erfahrung wieder hoch und sie lernte durch ihre Tätigkeit, dass es noch weitere Menschen mit erschreckenden Erfahrungen gibt. Sie begann, diese Berichte zu sammeln und auszuwerten. Ihr Fazit ist durchaus positiv: Menschen mit negativen NTEs würden ihre spirituelle Erfahrung eines Abstiegs in die Hölle mit vielen Heiligen und Weisen aus allen Zeiten und Kontinenten teilen. Das populärste Beispiel in der westlichen Kunst ist die Versuchung des heiligen Antonius in der Wüste. Betroffene aber, die nicht aufgeben würden, den Sinn einer solchen Erfahrung zu suchen, erhielten Kraft und könnten schliesslich, entsprechend den glückseligen Erfahrungen, ebenfalls persönlichen Gewinn daraus ziehen. Sie sähen sich durch die Erfahrung in ihrer spirituellen und zwischenmenschlichen Entwicklung gestärkt.[3]

Für Betroffene von negativen Nahtoderfahrungen ist professionelle Hilfe oder der Austausch mit anderen Erfahrenden sehr wichtig. Sind Sie selbst als Leserin oder Leser davon betroffen, können Sie mit unserer Organisation Kontakt aufnehmen oder auf unsere Therapeuten- und Therapeutinnenliste zugreifen.


Referenzen

1     Maurice S. Rawlings. Jenseits der Todeslinie: Neue klare Hinweise auf die Existenz von Himmel und Hölle (Originaltitel: To hell and back). Verlag Christliche Buchhandlung, Baden 1987

2     Rommer, B. R. Der verkleidete Segen: Erschreckende Nah-Todeserfahrungen und ihre Verwandlung, Goch 2004, S. 56f    

3     Greyson B., Bush N.E., Distressing Near-Death Experiences. Psychiatry, 55: 95-110, 1992